Jahrhundertealte Sexualethik in neuer Verpackung

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Verschiedene Theologen im Umfeld des Netzwerks «Bibel und Bekenntnis» werben für die jahrhundertealte Sexualethik, indem sie versuchen, dieses Konstrukt in einer modernen Verpackung schmackhaft zu machen. Mit lieblichen Slogans wie «heilsam für Körper und Seele» und «gute Botschaft für das Schlafzimmer» wird nicht sparsam umgegangen. Damit wollen sie die Gemeinden motivieren, dem Thema vermehrt Beachtung zu schenken und die Sexuallehre möglichst als verbindliche Richtschnur einzuführen bzw. beizubehalten.


Die beworbene Sexualethik entspricht weitgehend den Vorgaben, welche die katholische Kirche im vierten Jahrhundert eingeführt und im zwölften Jahrhundert überarbeitet hatte. Bei der Reformation wurde die Sexualethik von der evangelischen Kirche übernommen und fand von dort weiter den Weg in die Freikirchen.


Obwohl die Sexualmoral in dieser Form noch heute im Katechismus der katholischen Kirche verankert ist, wird sie von den Bischöfen und Priestern im deutschsprachigen Raum je länger je mehr nicht mehr angewendet. Noch fortschrittlicher ist die evangelische Kirche. In grossen Teilen haben beide hiesigen Volkskirchen mittlerweile anerkannt, dass man sich an queeren Menschen schuldig machte, indem man sie anhand der Sexualethik massregelte. Ausserdem stellt diese einen der Faktoren dar, welcher geistlichen und sexuellen Missbrauch begünstigt.


Ganz anders sieht es bei einigen konservativen Freikirchen aus. Mehrere evangelikale Theologen bemängeln, dass die Sexualethik in den Gemeinden vernachlässigt werde. Das Netzwerk «Bibel und Bekenntnis» befasst sich auf seiner Webseite mit der Frage, ob Homosexualität eine Bekenntnisfrage oder bloss eine Nebensächlichkeit sei, was klar als Bekenntnis beantwortet wird. Den Gemeinden in diesem Umfeld ist es meistens wichtiger, verbissen an einer möglichst wörtlichen Bibelauslegung festzuhalten, als für alle Menschen ohne Ausnahme geistliche Heimat zu schaffen.


Da die Sexualethik queere Menschen – im Unterschied zu cis-heterosexuellen – als Menschen zweiter Klasse schubladisiert, hat sich Marcel Schmidt vom Netzwerk «Kreuz und queer durch Zürich» mit dem Thema befasst und mehrere Befürworter des leib- und lustfeindlichen Undings mit den sieben untenstehenden Fragen konfrontiert. Niemand konnte diese beantworten. Das verwundert jedoch nicht, denn man wäre nicht darum herumgekommen, ehrlich und offen zuzugeben, dass queere Menschen stark benachteiligt werden.


Ich habe ein paar Fragen zu der jahrhundertealten Sexualethik, wie sie u.a. von den Herren Bruderer, Option, Till und Baum vertreten wird und als verbindliche Richtschnur gelten soll.


  1. Bereits mehrmals haben die genannten Herren diese Sexualethik als «heilsam» gelobt. Wie kann ein Konstrukt heilsam sein, wenn es von mir als schwulen Christen verlangt, mich von meinem Partner zu trennen und für immer zölibatär zu bleiben? Das ist doch geradezu das Gegenteil von heilsam!
  2. Seid ihr euch bewusst, dass diese Sexualethik direkt dazu führt, dass Homosexuelle von den Freikirchen ausgegrenzt, diskriminiert, verurteilt, gemobbt, zur Konversionstherapie genötigt oder vom Arbeitsplatz in der Gemeinde vertrieben werden? Wenn ja, wie ist das ethisch vertretbar?
  3. Niemand hat die Möglichkeit, sich die sexuelle Orientierung selber auszusuchen. Wie ist das gerechtfertigt, dass wir in den Kirchen für einen Umstand bestraft werden, welchen wir gar nicht erst beeinflussen können?
  4. Die oben erwähnten Unterstützer der Sexualethik leben in einer Ehe. Uns Homosexuellen wird das Eingehen einer Ehe hingegen verwehrt. Inwieweit ist das fair? Wird da nicht Wasser gepredigt, selber aber Wein getrunken?
  5. Einige Vertreter der beiden grossen Volkskirchen sind zur Einsicht gekommen, dass sich die Kirchen im Umgang mit queeren Menschen – durch die strikte Anwendung der Sexualethik – schuldig gemacht haben. So haben z.B. Michael Diener, Reinhard Marx, Helmut Dieser, Ulrike Scherf, Franz-Josef Overbeck, Wolfgang Rothe, Gabriele Arnold und viele weitere ein umfassendes Schuldbekenntnis abgelegt. Warum tut sich in Freikirchen absolut nichts in diese Richtung?
  6. Warum muss man verbissen an der Sexualethik festhalten, anstatt dass man die Menschen einfach in die Eigenverantwortung entlässt?
  7. Weshalb wurde über die Köpfe der queeren Menschen hinweg eine Vorgabe gemacht, ohne mit ihnen gemeinsam nach einem Kompromiss gesucht zu haben?

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